Diese Interview darf mit freundlicher Genehmigung der Oberösterreichischen Rundschau hier abgedruckt werden. Das Interview entstand anlässlich eines Konzertes am 8. Februar 2004 im Brucknerhaus Linz. Das Bruckner Orchester spielte Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Johannes Brahms und Roland Batik (Uraufführung). Dirigent: Christoph Campestrini, Klavier: Roland Batik.
Text: Herbert Schorn
Campestrini dirigiert die Welt
Christoph Campestrini galt lange Zeit als Jungstar unter den österreichischen Dirigenten. Doch diese Zeiten sind längst vorbei: Innerhalb weniger Jahre arbeitete der gebürtige Linzer mit mehr als 60 Symphonie-Orchestern auf allen fünf Kontinenten zusammen, 1998 war etwa das London Symphony Orchestra dran. Zum Jahreswechsel dirigierte der 35-Jährige das offizielle kanadische Neujahrskonzert in Ottawa.
Herr Campestrini, Sie werden am 8. Februar im Brucknerhaus mit Mozart, Brahms und der Uraufführung eines Werkes des Wieners Roland Batik zu hören sein. Wie passt das zusammen?
Die Idee war, Stücke, die aus der Tradition kommen, einer Uraufführung gegenüber zu stellen. Diesen Spannungsbereich zwischen Mozart und Brahms auf der einen Seite und einem neuen Werk auf der anderen Seite finde ich interessant. Klassik wird oft als konservativ empfunden, das ist sie nicht, es gibt auch neue, zeitgenössische Zugänge. Musik ist eine zeitlose Erscheinung. Mit guter Musik wird man immer Leute erreichen können.
Wie gehen Sie an das Klavierkonzert von Roland Batik heran?
Ich erarbeite das gemeinsam mit ihm, wir haben uns bereits mehrmals getroffen. Wenn man ein neues Werk einstudiert, muss man offen sein für alles, was kommt. Ich blättere mir das Stück zuerst im Groben durch, suche die Spannungskurven und gehe dann immer mehr ins Detail. Erst wenn man sich über viele Stunden hinweg mit dem Stück beschäftigt hat, bekommt man langsam eine persönliche Beziehung dazu.
Wie schaut die aus?
Emotional. Musik muss mir immer etwas sagen, mich als Mensch ansprechen. Erst dann kann ich andere Parameter analysieren. Ich gehe oft wochenlang schwanger mit einem Stück. Nach der Analyse versuche ich, das Werk bei der Aufführung wieder unmittelbar emotional zu erleben.
Wie würden Sie die Musik von Roland Batik beschreiben?
Es ist leicht hörbare, gute Musik im Spannungsfeld zwischen Klassik und Jazz. Sie spricht das Publikum mit Sicherheit an.
Was ist für Sie gute Musik?
Musik, die mich fesselt. Ich bin für alle Strömungen offen, von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Musik. Es gibt Stücke, die mir vor ein paar Jahren noch nichts gesagt haben, die ich jedoch zu schätzen gelernt habe. Trotzdem gibt es gewisse Komponisten, die mir näher sind, etwa Haydn, Schubert, Bruckner, Mahler, Musik des Fin de Siécle oder slawische Musik.
Woran erkennt man mit geschlossenen Augen, dass Campestrini dirigiert?
Das kann wohl ein Außenstehender besser beurteilen. Ich versuche, in den Proben das Orchester so akribisch wie möglich vorzubereiten, damit sich die Musiker bei der Aufführung spontan dem natürlichen Fluss der Musik hingeben können.
Sie haben bereits Orchester in allen fünf Kontinenten dirigiert. Gibt es eine österreichische Art, Musik zu machen?
Nein, aber es gibt das Phänomen, dass österreichische Musik weltweit sehr geschätzt wird. In Österreich selbst hat die Musik einen sehr hohen Stellenwert, vielleicht höher als anderswo.
Sie galten lange Zeit als Jungstar. Ist es schwierig, sich aus diesem Schatten zu lösen?
Es ist für jeden Künstler wichtig, langsam zu reifen. Mich hat meine Zeit in Essen als erster Kapellmeister am Aalto Musiktheater künstlerisch sehr viel weiter gebracht. In dieser Zeit dirigierte ich mehr als 100 Aufführungen. In den letzten Jahren habe ich zu zahlreichen Orchestern Kontakte aufgebaut, etwa in Israel, Frankreich, Deutschland, Mexiko, Hongkong und jetzt auch verstärkt in Kanada und den USA. Ich finde, man sollte Künstler nicht nach äußeren Kriterien beurteilen, sondern nach künstlerischen.
Sie haben derzeit kein fixes Engagement. Warum?
Ich genieße es, alles annehmen zu können, was mir angeboten wird. Diese Freiheit hätte ich nicht, wenn ich irgendwo fix engagiert wäre. Ich denke, es ist wichtig, viele internationale Erfahrungen zu machen, bevor man sich festlegt.
Im Reaktionstest
Wie reagiert Christoph Campestrini auf...
... falsche Töne? „Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. Dann versuche ich mit einem freundlichen Lächeln alles wieder ins Lot zu bringen.“
... Musiker, die zu spät zur Probe kommen? „Da werde ich grantig. Unpünktlichkeit ist unprofessionell.“
... einen verschlafen Einsatz im Konzert? „Ich nehme sofort mit dem Musiker Augenkontakt auf. Dann merkt er oder sie sehr schnell, was los ist.“
... schlechte Kritiken? „Genauso wie auf gute: mit Gleichmut. Eine Kritik ist eine Momentaufnahme, die bei einem anderen Konzert schon wieder ganz anders sein kann.“